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KPIs als Produkt mit klarer Ownership

Aktualisiert: vor 4 Tagen

Drei Teams, drei Dashboards, drei Zahlen für Umsatz. Und plötzlich wird das Meeting nicht zur Entscheidungsrunde, sondern zur Auslegungssache. Das ist kein Tool-Problem – das ist ein Produktproblem: Eure KPI ist kein stabiler Baustein, sondern eine lose Berechnung irgendwo im Report. Wenn du KPIs als Produkt behandelst, verschiebst du den Schwerpunkt: weg von wer hat’s im Visual gebaut“ hin zu einer versionierten, wiederverwendbaren Definition mit klarer Zuständigkeit und einem schlanken Änderungsprozess. Genau darum geht es in diesem Beitrag.


KPI als Produkt

Warum KPI-Drift entsteht – und warum es gerade jetzt eskaliert

KPI-Drift entsteht fast immer auf die gleiche Weise: Eine Kennzahl wird schnell in einem Report gebaut, später kopiert, angepasst, gefiltert, neu interpretiert – und am Ende gibt es verschiedene korrekte Varianten. Spätestens wenn Self-Service und mehrere Tools ins Spiel kommen, wird das unkontrollierbar.


Der zweite Verstärker ist AI: Wenn Systeme Metriken aus unvollständigem Kontext ableiten, werden Ergebnisse probabilistisch – und damit politisch. Moderne Ansätze (Semantic Layer / Metric Stores) betonen genau deshalb die zentrale, governance-fähige Definition als Grundlage für vertrauenswürdige Analytik und AI. Das Ziel ist dabei nicht zusätzliche Governance, sondern weniger Abstimmungsschleifen: Die Kennzahl ist definiert, die Diskussion entfällt.


Was KPI als Produkt wirklich bedeutet

KPI als Produkt klingt nach Prozess – ist aber in Wahrheit ein Contract: Eine Kennzahl wird als eigenständiges Artefakt definiert, das unabhängig von einzelnen Reports existiert, versioniert wird und von vielen Konsumenten genutzt werden kann.


Technisch sieht man den Markt genau dahin gehen:

  • Databricks z.B. beschreibt Metric Views als zentrale Definition, die KPIs einmal festlegt und dann konsistent in verschiedensten Downstream-Tools nutzbar macht (YAML, registriert in Unity Catalog).

  • Snowflake positioniert Semantic Views als schema-level Objekte, in denen Entitäten, Beziehungen und Metriken als „Business Meaning“ modelliert werden (inkl. RBAC/Usage/Integration in Cortex).

  • Microsoft betont Power BI Semantic Models als „authoritative source of truth“ und als Accelerator für konsistente Antworten – auch für AI-getriebene Nutzung.


Was es nicht ist: ein neues KPI-Komitee, ein Wiki voller Fließtext oder ein Single Dashboard of Truth. Produktdenken heißt: Definition, Ownership, Lifecycle.


Der KPI-Contract: So sieht eine gute Definition aus

Wenn eine Kennzahl nicht klar genug definiert ist, lässt sie sich nicht sauber betreiben. Der KPI-Contract ist deshalb kein Doku-Fetisch, sondern ein Mittel gegen spätere Diskussionen und kreative Filter.


Minimaler KPI-Contract (Pflichtfelder)

  • Name (geschäftlich) + eindeutige technische ID

  • Zweck: Wofür wird der KPI genutzt (Entscheidung/Steuerung)?

  • Formel (inkl. Einheiten, Währung, Rundung)

  • Scope/Filter: Was ist explizit drin/draußen (z. B. Stornos, Steuern)?

  • Granularität: Auf welcher Körnung ist die KPI wahr (Order, Invoice, Customer-Day)?

  • Zulässige Dimensionen: Worüber darf gesliced werden (Region, Produkt, Kanal)?

  • Zeitlogik: Event Time vs. Posting Time, Kalender/Fiscal, Cutoffs

  • Quelle: Source of truth (Tabellen/Modelle)

  • Beispiele: 2–3 Beispiele („Wenn X, dann Y“) + typische Pitfalls


Warum die Festlegung der Granularität so zentral ist: Viele KPI-Streits sind in Wahrheit Granularitäts-Streits (Zählen wir Kunden pro Tag oder pro Monat?). Moderne Metrik-Ansätze trennen bewusst Measure-Definition von Dimension-Grouping, damit flexible Analysen möglich sind, ohne Logik zu duplizieren.


Beispiel (Kurzform) – Netto-Umsatz

  • Zweck: Steuerung des Umsatzes nach Retouren und Rabatten, ohne Steueranteile

  • Formel: Σ (Rechnungsbetrag – Rabatte – Retouren) ohne Steuern, Gebühren

  • Scope: nur abgeschlossene Verkäufe, keine Testbestellungen

  • Granularität: Rechnungsposition

  • Zulässige Dimensionen: Produktkategorie, Region, Vertriebskanal, Kundensegment

  • Zeitlogik: Buchungsdatum, Geschäftskalender 4-4-5

  • Änderung mit Auswirkungen: Änderungen am Gültigkeitsbereich, an der Granularität, an der Zeitlogik oder an Ausschlüssen


Zum Schluss ein pragmatischer Qualitätscheck: Wenn jemand den Contract nicht in <10 Sekunden grob versteht, ist die KPI noch nicht produktreif.


Ownership ohne Gremium: Wer entscheidet was?

Ownership bedeutet nicht „wer darf im Report Measures anlegen“, sondern: Wer trägt die Entscheidungshoheit über Bedeutung und Einsatz einer Kennzahl?


Ein schlankes Modell, das in der Praxis funktioniert:

  • Metric Owner (Business): verantwortet Definition, Zweck, Akzeptanzkriterien

  • Metric Engineer (Data/BI): implementiert, testet, operationalisiert

  • Steward (optional): achtet auf Namenskonventionen, Konsistenz, Wiederverwendung


Der Trick ist die Trennung von Entscheidungsrechten:

  • Business entscheidet: Meaning, Scope, was zählt

  • Data/BI entscheidet: Wie implementieren wir die KPI sauber, performant, testbar?


Also: Wer darf vorschlagen, wer genehmigt, wie läuft Versionierung – damit Definitionen nicht schleichend auseinanderlaufen. Ownership ist dann gut, wenn sie Tempo erhöht – weil Klarheit da ist – nicht wenn sie als Blockade wirkt.


Änderungskontrolle ohne Bürokratie: ein 3-Lane-Change-Flow

Hier scheitern viele Teams: Entweder “Jeder ändert alles jederzeit” oder “Änderungen dauern Wochen”. Du brauchst einen Prozess, der leicht ist – aber bei echten Bruchstellen sauber greift.


Lane A: Non-Breaking (schnell)

Beispiele: Beschreibung, Tags, zusätzliche Beispiele, Synonyme, kleine Performance-Optimierung ohne Ergebnisänderung.

Workflow: kurzer Pull Request/Review, Merge, Changelog-Eintrag.


Lane B: Logic-Change (normal)

Beispiele: Filter-Änderung, neue Exclusion, andere Zeitlogik, neue Dimensionsfähigkeit.

Workflow: Pull Request + Review (Owner + Engineer) + Tests/Backtest + Release-Note.


Lane C: Breaking (bewusst versionieren)

Beispiele: Wechsel der Granularität, grundlegende Neudefinition (Netto Umsatz ohe Retouren), Umstellung Event→Posting, neue Customer-Definition.

Workflow: neue Version (v2), Deprecation-Plan für v1, klare Kommunikation an Konsumenten.


Insgesamt geht der Trend geht zu definiere Semantik einmal, nutze sie überall – inklusive agentischer Systeme. Offene Initiativen wie Open Semantic Interchange (OSI) wollen genau das standardisieren: Fachliche Bedeutung einmal definieren – und toolübergreifend einheitlich auswerten.


Definitions as Code: So wird Change Control leicht

Weniger Bürokratie erreichst du nicht durch Lockerlassen, sondern durch Standards, die automatisch wirken: versionieren, kurz prüfen, zuverlässig ausrollen.


Drei sehr praktische Bausteine:

1) Git als Default: Microsoft Fabric beschreibt Git-Integration explizit als Teil von ALM – Änderungen werden commitbar, reviewbar, rückrollbar.

2) Artefakte in textbasierten Formaten: Power BI PBIP speichert Report- und Semantic-Model-Elemente als Ordner mit Textdateien – genau damit Source Control und Diffing funktionieren.

3) Release statt Live-Edit: Deployment Pipelines und Lifecycle-Best Practices zielen auf kontrollierte Releases (Dev/Test/Prod, klare Rechte, Reviews).


Änderungen gehören in einen klaren Deploy-Pfad: Definition in YAML/SQL pflegen, per Replace ausrollen, nachvollziehbar und wiederholbar. Am Ende fühlt es sich nicht nach Governance an – sondern nach normaler Softwareentwicklung für Businesslogik.


Tooling-Pattern: Wo lebt die KPI-Logik?

Wichtig ist, dass du bewusst und überlegt entscheidest, wo die Metrik-Definition sitzt:


  • BI-zentriert (Power BI Semantic Model): gut, wenn Power BI der Hauptkonsumkanal ist und ihr starke Modellierung/Wiederverwendung möchtet.

  • Plattform-zentriert (z.B. Databricks Metric Views / Snowflake Semantic Views): gut, wenn ihr Logik näher an der Plattform und für mehrere Konsumenten zentralisieren wollt.

  • Standard-/Interop-zentriert (MetricFlow/OSI-Denke): spannend, wenn ihr Tool-Portabilität und AI-Workflows über mehrere Systeme ernsthaft plant.


Wichtig ist weniger welches Tool, sondern: ein Ort für Wahrheit und ein Weg für Änderungen.


90-Minuten-Startplan (Quick Wins, die wirklich halten)

Du brauchst keinen Big Bang. Starte klein, aber so, dass es skalieren kann.


  1. Top-10 KPIs auswählen (die, die in Leadership-Meetings auftauchen)

  2. Owner benennen (eine Person pro KPI, nicht das Team)

  3. KPI-Registry anlegen (ein Repo/Ordner reicht)

  4. 2 KPIs als Contract schreiben (inkl. Granularität, Scope und Beispielen)

  5. Implementieren und testen (mind. Plausibilitätschecks, Backtest gegen letzte 4–8 Wochen)

  6. Changelog & Versionierung aktivieren (Lane A/B/C)

  7. Rollout: Ab jetzt nur noch diese Definition – inkl. kurzer Enablement-Session


Du wirst sofort merken, dass nicht die Technik der Engpass ist, sondern die Entscheidung über Bedeutung und Scope. Genau dafür ist der Produktansatz da.

Fazit: Semantik ist die eigentliche Skalierung

KPIs als Produkt zu führen ist ein Hebel für wachsendes Vertrauen, Geschwindigkeit und Entscheidungsfähigkeit: Eine gute Definition verhindert Streit, Ownership verhindert Drift, und ein leichter Change-Flow verhindert Chaos.


Der Markt bewegt sich technisch klar in Richtung zentraler Semantik (Metric Views, Semantic Views, Semantic Models) und offener Interoperabilität (OSI) – nicht aus Mode, sondern weil AI und Multi-Tool-Stacks sonst inkonsistent werden.


Die Grenzen sind real: Wenn Datenqualität fehlt, wenn Ziele politisch sind oder wenn niemand Ownership übernehmen will, hilft auch das beste Template nicht. Aber gerade dann ist KPI als Produkt der sauberste Weg, Konflikte sichtbar zu machen.

Der nächste sinnvolle Schritt

Power BI entfaltet seinen Nutzen erst dann vollständig, wenn Dashboards sauber aufgebaut, Datenmodelle durchdacht und Kennzahlen klar definiert sind.Genau diese Grundlagen entscheiden darüber, ob Berichte genutzt oder ignoriert werden.


Wenn du Power BI strukturiert aufsetzen oder bestehende Lösungen verbessern willst, unterstützen wir dich mit:


So wird aus einem funktionierenden Bericht eine belastbare Analytics-Lösung.

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