Use-Case-Portfolio statt Wunschliste
- Dirk Müller

- vor 3 Tagen
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Aktualisiert: vor 2 Tagen
In vielen Unternehmen läuft die Priorisierung von BI-Themen noch immer nach einem erstaunlich einfachen Muster. Der Fachbereich meldet einen Wunsch, das Management hat eine Idee, irgendwo drückt ein Reporting, und schon landet das nächste Dashboard, die nächste KPI oder der nächste Datenwunsch auf der Liste.
Das Problem daran ist nicht, dass diese Themen unwichtig wären. Das Problem ist, dass daraus schnell ein Wunschkonzert wird. Jeder hat ein Anliegen, jedes Thema klingt irgendwie plausibel, und am Ende wird trotzdem erstaunlich wenig davon wirklich wirksam.
Genau hier lohnt sich ein Perspektivwechsel. BI ist kein Sammelbecken für Anforderungen. BI ist auch keine endlose Reportfabrik. BI ist ein Instrument, um bessere Entscheidungen zu ermöglichen. Und wenn das der Maßstab ist, dann solltest du BI-Themen nicht als lose Einzelfälle priorisieren, sondern als Use-Case-Portfolio.

Warum BI-Priorisierung so oft scheitert
Viele BI-Backlogs wachsen nicht, weil das Unternehmen besonders datengetrieben arbeitet. BI-Backlogs wachsen, weil es keinen klaren Rahmen gibt, nach dem Themen bewertet werden.
Dann entstehen typische Muster:
Das lauteste Thema gewinnt
Der Bereich mit der größten Sichtbarkeit bekommt Vorrang
Operative Schmerzen verdrängen strategisch wichtige Themen
Technische Machbarkeit wird mit Business-Nutzen verwechselt
Kleine Einzelwünsche blockieren große Hebel
Das Ergebnis kennst du wahrscheinlich. Die Roadmap ist voll, aber die Wirkung bleibt überschaubar. Es werden Reports gebaut, aber Entscheidungen ändern sich kaum. Es gibt Aktivität, aber wenig echte Priorität.
Diese Form der Überlastung ist kein reines BI-Problem. Auch aus Managementsicht zeigt sich immer wieder, dass Unternehmen zu viele Projekte gleichzeitig verfolgen und dadurch Fokus, Umsetzungskraft und strategische Klarheit verlieren. Erfolgreicher werden sie meist nicht dadurch, dass sie mehr starten, sondern dadurch, dass sie konsequenter auswählen und manches bewusst nicht tun.
Der Denkfehler hinter vielen BI-Roadmaps
Der eigentliche Denkfehler ist simpel: BI-Themen werden oft wie einzelne Anforderungen behandelt, obwohl sie in Wirklichkeit Investitionsentscheidungen sind.
Ein neues Dashboard ist nicht einfach nur ein Dashboard. Es bindet Zeit, Datenkapazität, Fachbereichsaufmerksamkeit, Entwicklerressourcen und oft auch Governance-Aufwand. Dasselbe gilt für ein neues Datenmodell, eine KPI-Harmonisierung oder eine Self-Service-Initiative.
Wenn du all diese Themen nur als Ticketliste führst, fehlt dir die entscheidende Perspektive. Du siehst einzelne Anforderungen, aber nicht ihr Zusammenspiel. Du priorisierst Arbeit, aber nicht Wirkung.
Genau deshalb ist der Portfolio-Gedanke so wichtig. Starke Analytics-Organisationen betrachten nicht nur isolierte Use Cases, sondern ein Portfolio innerhalb eines Business-Bereichs. Priorisiert wird dann nicht nach Bauchgefühl, sondern nach Wertbeitrag und Machbarkeit. Wer dagegen nur auf einzelne punktuelle Themen schaut, verschenkt einen Teil der möglichen Wirkung.
Für die Praxis heißt das: Du solltest nicht fragen, welches Dashboard wir als Nächstes bauen. Du solltest fragen, welche Kombination von BI-Themen im Controlling, Vertrieb, Einkauf oder Service in Summe den größten geschäftlichen Hebel erzeugt.
Was ein gutes Use-Case-Portfolio ausmacht
Ein gutes BI-Portfolio besteht nicht nur aus schnellen Erfolgen. Es besteht auch nicht nur aus strategischen Großthemen. Es braucht Balance.
In der Praxis haben sich meist vier Arten von Themen bewährt:
Quick Wins: Themen mit überschaubarem Aufwand und schnellem Nutzen. Sie schaffen Vertrauen, zeigen Wirkung und helfen dabei, Momentum aufzubauen.
Kern-Use-Cases mit hohem Business-Hebel: Das sind Themen, die Entscheidungen wirklich verändern. Zum Beispiel bessere Steuerung im Vertrieb, fundiertere Forecasts im Controlling oder ein sauberer Überblick über Bestände, Margen oder Lieferperformance.
Enabler: Diese Themen sehen auf den ersten Blick oft unspektakulär aus, sind aber entscheidend. Dazu gehören einheitliche KPI-Definitionen, saubere Stammdaten, ein tragfähiges semantisches Modell oder klare Rollen im Self-Service.
Später-Themen: Gute Ideen, aber aktuell mit zu wenig Wert, zu viel Aufwand oder zu geringer Reife. Diese Themen gehören nicht weggeworfen, sondern bewusst zurückgestellt.
Genau hier trennt sich Wunschkonzert von Portfolioarbeit. Im Wunschkonzert landet fast alles früher oder später auf der Umsetzungsstraße. Im Portfolio wird sauber unterschieden zwischen jetzt, später und gar nicht.
So priorisierst du BI-Themen wirklich
Wenn du BI sauber priorisieren willst, brauchst du kein hochkomplexes Modell. Aber du brauchst ein gemeinsames Raster. Ein gutes Priorisierungsraster beantwortet im Kern sieben Fragen.
1. Welchen geschäftlichen Beitrag leistet das Thema?
Diese Frage kommt zuerst. Nicht die Technik, nicht die Optik, nicht die Frage, ob ein Bereich das Thema dringend möchte.
Worum geht es konkret?
Umsatz steigern
Marge verbessern
Kosten senken
Risiken reduzieren
Entscheidungen beschleunigen
Transparenz in einem relevanten Steuerungsprozess schaffen
Wenn du den Business-Beitrag nicht sauber benennen kannst, ist das Thema meist noch nicht priorisierungsreif.
2. Für welche Entscheidung wird der Use Case gebraucht?
Viele BI-Themen scheitern daran, dass sie Informationen liefern, aber keine Entscheidung verbessern. Deshalb lohnt sich eine harte Rückfrage:
Welche konkrete Entscheidung wird mit diesem Thema besser, schneller oder sicherer getroffen? Erst wenn diese Frage beantwortet ist, wird aus Reporting echte Steuerung.
Gerade im Umfeld von Power BI im Controlling ist das entscheidend. Denn dort geht es eben nicht nur darum, Zahlen sichtbar zu machen, sondern Plan-Ist-Abweichungen, Forecasts, Treiber und Maßnahmen so darzustellen, dass Führung tatsächlich handeln kann.
3. Wie groß ist der erwartete Nutzen?
Nicht jeder Nutzen lässt sich auf den Euro genau beziffern. Aber jeder Use Case sollte zumindest in einer belastbaren Größenordnung bewertet werden.
Zum Beispiel:
hoch, mittel, niedrig
direkter finanzieller Hebel
indirekter Hebel durch Zeitgewinn oder bessere Steuerung
risikorelevanter Nutzen
strategischer Nutzen
Der erwartete Mehrwert eines Use Cases kann als gemeinsame Währung für die Priorisierung dienen. Das bedeutet, dass nicht jede Idee gleich behandelt wird, sondern über ihren erwarteten Beitrag vergleichbar gemacht.
4. Wie realistisch ist die Umsetzung?
Hier wird es oft unangenehm, aber wichtig. Denn manche BI-Ideen sehen fachlich stark aus, scheitern aber in der Realität an Datenqualität, fehlenden Definitionen, unklaren Prozessen oder mangelnder Verantwortlichkeit.
Du solltest deshalb früh prüfen:
Sind die Daten verfügbar
Sind die KPI-Definitionen klar
Gibt es fachliche Owner
Ist das Thema organisatorisch anschlussfähig
Wie hoch ist der technische Aufwand
Ein starker Use Case ist nicht nur wertvoll, sondern auch realistisch.
5. Wie schnell kommt Nutzen ins Unternehmen?
Time-to-Value wird oft unterschätzt. Ein Thema mit mittlerem Hebel, das in sechs Wochen Wirkung zeigt, kann sinnvoller sein als ein Riesenthema, das neun Monate Konzeptionszeit frisst. Das heißt nicht, dass du nur noch auf Quick Wins setzen solltest. Aber ein gutes Portfolio braucht bewusst Themen, die früh sichtbaren Nutzen erzeugen.
Gerade hier zeigen Studien einen klaren Unterschied zwischen erfolgreichen und weniger erfolgreichen Organisationen. Führende Unternehmen bringen deutlich mehr Use Cases in die Skalierung und kommen wesentlich schneller von der Idee zur Umsetzung.
Ein einfaches Bewertungsmodell für die Praxis
Du benötigst dafür keine komplizierte Excel-Monsterdatei. Ein einfaches Scoring-Modell reicht oft völlig aus.
Bewerte jedes Thema zum Beispiel auf einer Skala von 1 bis 5 in diesen Dimensionen:
Business-Nutzen
Strategische Relevanz
Entscheidungseinfluss
Datenreife
Umsetzungsaufwand
Time-to-Value
Wiederverwendbarkeit für weitere Use Cases
Wichtig ist dabei nicht mathematische Perfektion. Wichtig ist, dass alle Beteiligten nach denselben Kriterien diskutieren. Denn genau das fehlt in vielen Unternehmen. Es gibt zwar Meetings zur Priorisierung, aber keine gemeinsame Bewertungslogik. Dann wirkt das Ergebnis objektiv, ist aber in Wahrheit nur politisch sauber verpacktes Bauchgefühl.
Nicht jedes wichtige Thema muss sofort umgesetzt werden
Das ist einer der schwersten, aber wichtigsten Punkte. Ein Thema kann fachlich absolut relevant sein und trotzdem heute nicht die richtige Priorität haben. Vielleicht fehlen noch Daten. Vielleicht ist der Prozess nicht stabil genug. Vielleicht gibt es gerade andere Themen, die mit weniger Aufwand deutlich mehr Hebel bringen.
Priorisierung heißt deshalb nicht, Wichtiges gegen Unwichtiges zu trennen. Priorisierung heißt, den besten nächsten Einsatz von begrenzten Ressourcen zu bestimmen.
Das ist auch der Punkt, an dem BI eng mit einer guten Datenstrategie zusammenhängt. Denn ohne strategischen Rahmen wird aus Priorisierung schnell nur ein Verteilungskampf zwischen Fachbereichen. Eine gute Datenstrategie schafft dagegen Klarheit darüber, welche Steuerungsfelder, Entscheidungsprozesse und Datenfähigkeiten im Unternehmen zuerst aufgebaut werden sollen.
Gute BI beginnt mit der richtigen Datenbasis
Ein häufiger Fehler ist, nur sichtbare Fachthemen zu priorisieren. Dann gewinnt das nächste Dashboard gegen ein langweilig wirkendes Basisthema wie Stammdatenqualität oder KPI-Harmonisierung. Kurzfristig fühlt sich das gut an. Langfristig baust du damit auf Sand.
Deshalb gehört in ein gutes Use-Case-Portfolio immer auch die Frage: Welche Voraussetzungen machen mehrere spätere Themen einfacher, schneller oder stabiler?
Typische Beispiele sind:
Einheitliche Definition von Umsatz, Deckungsbeitrag oder Auftragseingang
Saubere Verantwortlichkeiten für Kennzahlen
Belastbare Datenmodelle
Klare Governance im Self-Service
Gemeinsames Verständnis dafür, welche Reports standardisiert und welche flexibel sein sollen
Solche Themen wirken selten spektakulär. Aber sie entscheiden oft darüber, ob BI skaliert oder dauerhaft Stückwerk bleibt.
Governance gehört zur Priorisierung dazu
Ein Portfolio funktioniert nur, wenn es regelmäßig überprüft wird. Das klingt banal, passiert aber erstaunlich selten. Viele Teams priorisieren einmal zu Jahresbeginn oder pro Quartal und arbeiten danach stur die Liste ab. Das ist keine Portfoliosteuerung. Das ist Abarbeitung.
Besser ist ein klarer Review-Rhythmus. Zum Beispiel monatlich auf operativer Ebene und quartalsweise mit Business-Verantwortlichen.
Dabei sollten drei Fragen immer wieder gestellt werden:
Welche Themen liefern bereits Wirkung
Welche Themen verlieren an Relevanz
Welche Themen sollten gestoppt, verschoben oder neu bewertet werden
Auch bei Microsoft wird genau dieser Reifeweg beschrieben: Wertmessung beginnt oft auf Ebene einzelner Use Cases, entwickelt sich aber mit wachsendem Portfolio hin zu standardisierten Kennzahlen, Portfolio-Dashboards und Leadership-Reporting. Entscheidend ist nicht die perfekte Messung von Anfang an, sondern die Etablierung der Gewohnheit, Use Cases konsequent mit Ergebnissen zu verbinden.
Wann du externe Unterstützung wirklich brauchst
Nicht jedes Unternehmen braucht sofort ein großes Programm. Aber fast jedes Unternehmen profitiert irgendwann von einem klaren Blick von außen, vor allem dann, wenn intern viele gute Themen existieren, aber keine saubere Reihenfolge.
Entscheidend ist dabei, wie Unterstützung verstanden wird. Nicht als Folienproduktion, nicht als Methodenshow und auch nicht als fremdgesteuerte Roadmap.
Sinnvoll wird externe Unterstützung dann, wenn sie hilft,
Business-Ziele sauber in BI-Use-Cases zu übersetzen
Priorisierung nachvollziehbar zu machen
Fachbereich, Controlling und IT an einen Tisch zu bringen
ein realistisches Portfolio statt einer Wunschliste aufzubauen
Verantwortung im Betrieb klar zu verankern
Genau darauf kommt es auch bei Power BI Beratung an. Nicht auf möglichst viele Features, sondern auf den Dreiklang aus Business-Verständnis, sauberem Datenfundament und pragmatischer Umsetzbarkeit.
Fazit: BI wird besser, wenn du weniger gleichzeitig willst
Die meisten Unternehmen haben nicht zu wenige BI-Ideen. Sie haben zu viele unverbundene Themen gleichzeitig. Deshalb ist die bessere Frage nicht, was man mit BI noch alles machen könnte. Die bessere Frage ist, welche Themen zusammen den größten Beitrag zur Steuerung des Geschäfts leisten.
Ein gutes Use-Case-Portfolio schafft genau das. Es trennt relevante Themen von netten Ideen. Es verbindet Fachlichkeit mit Wirtschaftlichkeit. Es bringt Tempo in die richtigen Themen und stoppt die falschen früh genug. Und es sorgt dafür, dass BI nicht zum Wunschkonzert wird, sondern zu einem Instrument, das dein Unternehmen wirklich besser steuert.
Der nächste sinnvolle Schritt
Power BI entfaltet seinen Nutzen erst dann vollständig, wenn Dashboards sauber aufgebaut, Datenmodelle durchdacht und Kennzahlen klar definiert sind.Genau diese Grundlagen entscheiden darüber, ob Berichte genutzt oder ignoriert werden.
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So wird aus einem funktionierenden Bericht eine belastbare Analytics-Lösung.


